Innehalten

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Bild: Lindemann

Der gesellschaftliche „shut down“, das „Daheimbleiben“ zwingt zum Innehalten – ob in Quarantäne oder wegen einer möglichen Infektion (mehr oder weniger) freiwillig, um sich und andere nicht anzustecken bzw. um sich vor Ansteckung mit dem Virus zu schützen.
Optimisten neigen dazu, die Situation unterzubewerten, feiern z.B. Corona-Parties, während Pessimisten zur Überbewertung der Problematik neigen und dramatisieren.
In jedem Fall ist jetzt eine ganze Gesellschaft in den gegenteiligen Modus gezwungen, den sie üblicherweise mit „Schneller, Höher, Weiter“ verfolgt und in dem sie sich alltäglich, mit allerlei Zeitvertreib und Konsum, vor besinnlichen oder nachdenklichen Momenten schützt.

Ziemlich sicher ist schon jetzt:
unser Land und die Welt wird nach dieser Krise nicht mehr das gleiche sein.
Daher steht zu hoffen, dass durch das Innehalten auch ein Besinnungsprozess einsetzt und neu darüber nachgedacht wird, was wirklich wesentlich ist für ein gutes Leben – tragende soziale Kontakte z.B. und anderes, was zu einer gute Grundversorgung gehört: Wasser, Lebensmittel, Energie, medizinische Vorsorge, funktionierende Verkehrswege, eine vielfältige Wirtschaft, Bildung und Kommunikations-möglichkeiten, wie auch Natur- und Klimaschutz.
Entscheidend dafür, wie wir aus der Krise hervorgehen, ist – wie immer – das, was wir daraus machen;
ob wir verstehen, dass nur ein Miteinander, ein solidarisches Handeln einen Mehrwert für alle bedeutet, ober ob am Ende doch Egoismus, nationales Denken und Rücksichtslosigkeit vorherrschen.

Für einige bietet die Entschleunigung Zeit für kreative Ideen, mehr Nähe zur Familie, aber auch mehr Distanz bzw. virtuelle Kontakte zu anderen Menschen oder ruhiges Arbeiten von zu Hause aus.
Für andere ist das enge „Aufeinanderhocken“ – oft mit Kindern, deren Ängsten, Hausaufgaben und Bewegungsdrang – purer Stress, so dass Beziehungen zum Teil in heftige Belastungsproben kommen.

Die oft ausgleichend wirkenden „kleinen Fluchten“ fehlen, ebenso wie die Kollegen und Freunde.
So ist es oft schwierig in der angespannten Situation gelassen und ausgleichend zu wirken.
Denn zu diesem unvertrauten, unvorbereiteten Geworfensein in die Situation kommen die Bedrohung durch einen unsichtbaren Feind, der potentiell lebensbedrohlich ist, ebenso wie Ängste um geliebte Menschen oder die eigene wirtschaftliche Existenz und die gesellschaftlich-politischen Auswirkungen in der Zukunft.

Die natürliche Reaktionen auf eine derartig beängstigende Situation wären
Flucht, Aggression oder Ignorieren / Totstellen.

Nun aber, in den eigenen vier Wänden, fällt es schwer, vor der eigenen Situation (innen wie außen) wegzulaufen. Man steckt sozusagen mit der eigenen Nase mitten darin, muss hinschauen und stößt auf das, was da ist – an Bedürfnissen, Ängsten, Spannungen, Gedanken und Gefühlen in mir und in dir.

Manche können das anerkennen und finden im Gespräch einen Weg; andere nicht.
Kommunikationsformen spielen da wie die Inhalte eine große Rolle. Insbesondere ist es wichtig, einen haltenden Rahmen zu organisieren, von sich zu sprechen und erst einmal Wohlwollen zu unterstellen.
In jedem Fall hat jedes Verhalten Auswirkungen und fordert meist auch Konsequenzen.
Schließlich kann man sich nicht nicht entscheiden! Auch etwas nicht zu tun oder zu sagen, ist eine Entscheidung, ebenso wie der Entschluss, etwas anzugehen oder auszusprechen.

All die illusionären Vorstellungen davon, wie das eigene Leben, die eigene Familie oder die Kinder so sein sollten, brechen in diesem konzentrierten Miteinander auf.
Die wirksamen unterschiedlichen eigenen, Wirklichkeiten prallen aufeinander.
Wo man sonst, oft in beruflichen Zusammenhängen, vor der Wahrnehmung geschützt war, ist man jetzt zuhause, wenn die Konflikte aufbrechen.
Während im Außen Distanz gefordert ist, werden in den Wohnungen allerlei Spannungen sichtbar – nicht nur weil man jetzt selbst Ängst um die eigene Gesundheit oder die von lieben Mitmenschen hat, sondern auch weil man sauer ist, über die Situation, in der man sich machtlos und angegriffen fühlt. Aggression kommt aber auch auf, da der eigene aufgestaute Frust und die in den Geweben aufgestaute Spannung sich immer schlechter verdrängen oder durch Bewegung vertagen lassen.

Nicht ohne Grund steigen nach Weihnachten die Scheidungsraten.
Auch in dieser Zeit hocken plötzlich Familienmitglieder den ganzen Tag zusammen; da zudem noch mit hohen Ansprüchen an ein schönes Familien-Miteinander.

Auch heutzutage stoßen die Ansprüche und Erwartungshaltungen an sich, wie auch die an die anderen, an die Kapazitätsgrenzen der Einzelnen. Schnell reagiert man gereizt und unbesonnen. Im Notfallmodus kann man eben nicht mehr klar denken, da gelten nur noch die Regeln der Überlebenssicherung.
Die „Stoßdämpfer der Gelassenheit“ sind immer häufiger überfordert. Mehr und mehr werden die Beteiligten daheim in den Dynamiken der Streßspiralen gefangen – entweder in Richtung aggressiver oder resignativer Eskalation.
Hier ein Beispiel, wie sich Aktion und Reaktion verstärken:

kommunikativer Teufelskreis nach Schulz von Thun
Bild: Systemische Praxis: Therapeutisches Chaos, Strunk und Schiepek, Hogrefe Verlag,

Das Beispiel beschreibt beispielhaft Partnerkonflikte oder Konflikte mit Kindern, die sich natürlich in beliebig vielen Variationen denken lassen.

Erlauben Sie sich daher, die schwierigen Umstände mit zu denken.
Dies ist aktuell für alle – auch und insbesondere die Kinder – eine belastende Situation.
Hier gilt es, die Toleranzschwellen („Stoßdämpfer“) noch einmal bewusst hoch zu setzten, obwohl einem nach dem Gegenteil zumute ist.
Von Seiten der Erwachsenen braucht es jetzt – auch dem eigenen inneren Kind gegenüber – klare, konsequente Regeln, damit in dieser verunsichernden Situation eine Orientierung und verlässliche Routinen da sind. Denn das aktive Gestalten der eigenen Situation fühlt sich zumindest besser an, als sich hilflos und ausgeliefert zu fühlen – insbesondere gegenüber einem Feind, den man nicht einmal sehen kann. Das ist schwer zu ertragen!
Wecken Sie Verständnis für diese schwierige Lebenssituation. Sie wird vorübergehen!
Alles Porzellan, das Sie jetzt in ihren Beziehungen zertrümmern, bleibt kaputt.
Also behalten Sie „die Tassen im Schrank“.

Meditieren oder beten Sie, sorgen Sie für stille Zeit am Tag, in der Sie sich entspannen, besinnen und sammeln können, in der jeder einmal für sich sein kann oder auch gemeinsam besinnliches tun.
Wir nannten das früher „Dämmerstündchen„. Oft hat die Oma dann eine Kerze angezündet und uns Kindern eine Geschichte vorgelesen – oder wir haben uns erzählt, was am Tag schön war.

Machen Sie sich auch bewusst, dass Sie ähnliche Ohnmachtsgefühle kennen, wie jeder von uns – aus seiner allerjüngsten Kindheit, die schon längst nicht mehr bewusst ist. „Kindliche Amnesie“ nennt das der Fachmann. Aber gerade weil wir es nicht wissen, sind diese frühen Eindrücke, die die Struktur unserer Nervenverbindungen mitgestaltet haben, immer noch wirksam.
Wie damals, spüren wir intuitiv, dass wir die Welt nicht beherrschen, dass wir uns die Natur nicht untertan gemacht haben, dass wir noch immer ausgeliefert sind, dass wir verletzlich und sterblich sind und noch nicht genug Demut erlangt haben, so dass wir am liebsten selbst Gott (oder war es doch Pippi Langstrumpf?) spielen würden, der die Dinge so macht, wie es ihm / uns Gefällt.

Wird etwas als Neu erlebt, löst das einerseits Interesse, Freude und Neugier aus, andererseits lösen unbekannte und bedrohlich erlebte Situationen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, Aktivierung, Bereitstellung von Kraft und Vorsicht aus.
Wie schon gesagt, auch aktuell sind Flucht – Vermeidung, Angriff oder Totstellen die Angebote, die unsere ererbte Natur als Notfallreaktionspalette da ausschließlich parat hält.
All das macht jedoch gegenüber einem unsichtbaren Feind keinen Sinn.

Da muss jeder darauf achten, dass nicht Ersatz geschaffen wird und anderes attackiert wird oder andere irreale (= ohne Verstand bzw. besser vom Reptiliengehirn gesteuerte) Handlungen Erleichterung schaffen sollen.
Doch all diese Reaktionen sehen wir im Verhalten der Menschen während der aktuellen Krise:
Angst bis Panik (mit irrationalen Hamsterkäufen und Desinfektionsmittelklau (als Selbstfürsorge zu verstehen, wie auch als asoziales Verhalten) oder Fatalismus (z.B. „Den Krieg haben wir auch überlebt.“), als aggressive Triebdruchbrüche (in „Corona-Parties“ oder Schlägereien im Supermarkt oder als häusliche Gewalt) und Rationalisierungen („Corona bedroht ja die Alten. Die gehen einem sowieso auf die Nerven, die braucht doch so wie so niemand mehr!“) oder nicht wahr haben wollen und so tun, als ob nichts wäre („Ich lasse mir meinen Spaß doch nicht verderben!“). Selbst der Toilettenpapierkaufrausch ist symbolisch als Zeichen der Sauberkeit und als irrationaler Bewältigungsversuch gegen verunsichernde Gefühlen zu verstehen.

Wie in der Flüchtlingskrise 2015 (auch eine neue Situation, die mit fremdem, schlecht einschätzbarem konfrontiere) überwog, wie jetzt, bei einigen die Hilfsbereitschaft, bei anderen Angst.
Beide Reaktionen dürften aus der gleichen Motivation hervorgehen: der Helfer kann aktiv sein, kann sich als der Großzügige und damit auch Überlegene – eben nicht ausgeliefert – fühlen, während der Ängstliche (bewusst oder unbewusst) das Bedrohliche in den Vordergrund seiner Aufmerksamkeit stellt und sich hilflos fühlt, wie ein Kind, das selbst Trost und Schutz bracht; das sich bedroht fühlt, weil „die Flüchtlinge, die Anderen, irgendjemand“ ihm da etwas von dem wegnehmen könnten, was man in Wirklichkeit gar nicht hat oder hatte oder was aktuell da wäre.
Es wird nicht realisiert, dass dieses Gefühl eine Erinnerung ist.

Wenn die eigene (in Wirklichkeit nicht so schöne) Kindheit (häufig) glorifiziert wird – ähnlich wie es manche mit dem „Vaterland“ oder einer angeblichen „Rasse“ machen -, muss das eigene Drama nicht wahrgenommen werden. Stattdessen wird es (wie im Kino auf eine Leinwand) projektiv dem anderen zugeschoben und da (auf der Leinwand) bekämpft, statt an der Stelle des Projektors, wo der Film in Wirklichkeit läuft.
Durch diese Verlagerung des Problems, die anderen einen ähnlichen Schmerz zufügt, wie man ihn selbst erlitten (und verdrängt) hat, macht die Sache für einen selbst nicht wirklich besser, sondern schlimmer: man bleibt in der Illusion stecken und! man gibt die Macht über das eigene Befinden und die Veränderungsressourcen aus der Hand.
Da muss man schon so „blöd“ sein, wie ein kleines Kind, das noch wenig von der Welt kennt, oder voller Liebe, wie ein Kind, das seine Eltern liebt und ihnen gibt, auch wenn die noch so schrecklich sind.
Nur, an der falschen Stellen lässt sich da nichts „Heil“ machen!

Es steht zu hoffen, dass die Situation nicht kippt, so wie es in dem Roman „Black out“ beschrieben wird.

Erst wenn man anerkennen kann, was ist, hat man Boden unter den Füßen und kann sich bewegen. Denn alles was da sein darf, kann auch gesehen werden – und das Loch / die Falle in das man fallen könnte, kann leichter umgangen werden, wenn man es sieht – nicht wenn man ein Hinschauen vermeidet.
Außerdem schafft eine kooperative Haltung mit allen seinen Aspekten und Ich-Anteilen deutlich mehr innere Sicherheit (meist auch äußere Anerkennung) und Klarheit für Entscheidungen mit gewünschten Auswirkungen.
Alle Versuche, sich aus einer phantastischen, aber phantasierten Welt fortzubewegen, werden nicht tragen; aber die Wut darüber wird zerstörerische Formen zeigen.
Nehmen wir uns also Zeit zum Innehalten, zum Spüren und orientieren.

Wenn wir etwas nachjagen, dann sollte es realistisch, erreichbar, konkret und machbar formuliert sein. Ein „Sollte, Könnte, Müsste“ beschreibt ja immer nur eine Möglichkeit, keine Realität.
Ziele geben Orientierung, um einen Weg zu beschreiben, der gegangen werden kann. Andernfalls beschreibt die Distanz zwischen Soll und Ist nur das Maß an Leid, das wir erfahren, wenn wir uns nicht bewegen. Sie zielführend ausrichten bedeutet im gesellschaftlichen Diskurs: miteinander reden, miteinander planen und miteinander Handeln.
Dies gilt in besonderem Maße auch für unser dörfliches Zusammenleben.
Gegeneinander bedeutet Stillstand, kooperatives Miteinander kann Großes schaffen.
Dabei sollte man niemals das Ziel mit dem verwechseln, war hier und jetzt ist und wirkt: SOLL ist ungleich IST.
Ein Ziel gibt lediglich eine Richtungsorientierung. Aufgrund von neuen Erfahrungswerten auf den Weg dorthin kann sich das Ziel ändern.

Alles, was ist, ist wie es ist – weder gut noch schlecht (denn diese Bewertungen fügen immer erst wir, je nach Bedürfnislage, hinzu.
Zudem teilt derartige Bewertung die Realität. Allein „gut oder schlecht“ ergibt ein „geteilt durch 2“, so dass man am Ende Gefahr läuft, einen Teil für das Ganze zu halten.
Das aber ist ein Vorurteil und keine tragfähige Beschreibung von dem, was ist.
Durch die Bewertung schaffen wir uns sozusagen eine Art von Behinderung, die wir uns selbst antun!
Damit das niemand bemerkt (vor allem wir selbst nicht), wird dieser Unsinn meist mit Vehemenz und aggressiv verteidigt.

Am Ende muss vielleicht so mancher erkennen, dass das Corona-Virus nicht seine größte Bedrohung war.
Daher reden Sie miteinander, mit Ihren Kindern, seinen Sie persönlich, sprechen Sie von sich, nicht in „Du-Sätzen“, suchen Sie Kompromisse, klären Sie Missverständnisse auf, indem Sie ihre inneren und auch äußere Randbedingungen kommunizieren, erlauben Sie sich nach ähnlichen Eindrücken, Gefühlen, Gedanken und Handlungsmustern in vergangenen, anderen Beziehungen zu suchen, um besser zu verstehen, nach welchen automatisierten Reaktionsmustern (aus diesen früheren Erfahrungen) sie heute Erwartungen an Mitmenschen herantragen, indem sie – aus diesem Vorurteil – ein gleiches Motiv oder Verhalten unterstellen. Das aufzuklären und mitzuteilen, miteinander zu teilen, hilft tatsächlich, besser miteinander umzugehen. Aber das braucht eben Zeit; Zeit, die wir uns sonst oft nicht nehmen.

Und wie Michael Ende in seinem Buch „Momo“ schon sagt: Willst Du schell irgendwo hin, dann geh langsam. Dann alles, was im Vorfeld geklärt werden kann, wird einem im Nachhinein keine Knüppel zwischen die Beine werfen.

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