Politik wohin?

Michael Andor
Facharzt für Allgemeinmedizin
Präsidiumsmitglied der Landesärztekammer Hessen

Herr Andor schreibt im Hessischen Ärzteblatt 4>/2020, 81. Jg. „Polikik, quo vadis? Zahlen und Hausaufgaben“ folgendes:
Im Moment bewegt uns die Frage, wie gefährlich wohl die aktuelle „Pandemie“ ist?
Wie eine Grippe, die sich schnell ausbreitet oder schwerer wie …?
Was gilt vorrangig, das Sozialgesetzbuch SGB V oder das Infektionsschutzgesezt?
Testet man überwiegend die offensichtlich Erkrankten, so stirbt jeder Dreißigste; testet und zählt man überwiegend die Gesunden mit, so stirbt vielleicht nur jeder x-Tausendste?
Soweit der übertrieben-ungesicherte Kenntnisstand.
Die Retrospektive wird entscheiden, was richtig und angemessen war; hinterher wissen wir es besser.

Ein anderer Überblick: Im Jahr der Wiedervereinigung 1990 sprach man bei 240.000 berufstätigen Ärztinnen und Ärzten über „Ärzteschwemme“; heuer bei an die 400.000 (!) erleben wir „Ärztemangel“.
Generell, wohin man schaut, überall herrscht Nachwuchsmangel.
Praxisärzte oder Ärzte im Krankenhaus, Pflegekräfte, Facharbeiter, Bau oder Handwerk, Ingenieure, IT-ler, Personal in der Gastronomie, auch Lehrlinge fehlen. Selbst in den Familien fehlt der Nachwuchs.
Wo sollen ja all die Arbeitskräfte herkommen, wenn alle entweder nur noch arbeiten, oder, der Alltags-belastung in Klinik oder Praxis überdrüssig, es nicht mehr in dem Maße wollen?

Statt das Demographieproblem anzugehen, die „Mangelberufe“ angemessen zu vergüten und vom teils sinnlosen Verwaltungsgetue zu entlasten, wird eine Lösung wie aus der Wundertüte herbeigewünscht: Das eben in Kraft getretene Fachkräfte-Einwanderungs-Gesetz soll es richten.

Die Wirtschaft rechnet einen jährlichen Zuzugsbedarf von 250.000 bis 400.000 Arbeitskräften vor.
Sprachkenntnisse, Qualität und Vergleichbarkeit der Ausbildung seien nachrangig und als Problem lösbar.
Selbst wenn das alles so funktionieren würde, wie man es sich vorstellt, ignoriert bzw. verdrängt man es dabei konsequent, dass die hinzugerufenen Fachkräfte in ihren Herkunftsländeren, wo sie meist über Steuermittel ausgebildet wurden, bitter fehlen. Diese Länder holen wiederum Ersatz aus noch ärmeren Ländern und verlagern den Mangel letztlich dorthin, wo die Not bereits am größten ist.
In der Gesamtbetrachtung könnte man sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt sehen, die speziellen Probleme einer alternden Wohlstandsgesellschaft zu Lasten der Armen lösen zu wollen.

Unser Gesundheitsminister Jens Spahn, vom Hause aus Bankkaufmann, hat uns im Namen von Fortschritt und Entwicklung bereits unzählige Gesetze geliefert. Die Digitalisierung schreitet vorbildlich voran, für Verweigerer gibt es Honorarstrafen.
Während der kommenden deutschen EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte soll in diesem Bereich noch mehr geschehen. Zugleich müssen wir die Erfahrung machen, dass schon bei einer größeren Grippewelle oder gar bei einer „Pandemie“ einfachste Billigartikel fehlen.
Die Versorgung mit Standardmedikamenten wie Blutdruckmittel, Antibiotika, Narkosemittel etc. war schon im Herbst unzuverlässig, sie wirkt zunehmend störanfällig.
Die Diskussion über Lieferschwierigkeiten in den Apotheken, über Preisgestaltung und Rabattverträge der Krankenkassen, Qualitässicherung der Produktionsketten in Asien und China erreicht unsere Arztpraxen.

Es ist höchste Zeit, das man sich grundsätzlich Gedanken macht über Gemeinwohl und Daseinsfürsorge, über die Grenzen von Globalisierung und Marktwirtschaft im Gesundheitswesen.

Schöne besinnliche Ostern!

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